Ich weiß ja nicht, warum Herr Sahin in die große Politik einsteigen will, aber seine Analyse zur Schließung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes in Schwetzingen macht mich fassungslos. Natürlich musste das Gesundheitswesen 2000 unter Rot-Grün reformiert werden, weil die Kohl-Regierung Ende der 90er ein Defizit von 6 Mrd. DM aufgehäuft hatte. Und natürlich wurde gehandelt, denn das Geld für Defizite fällt ja nicht vom Himmel. Politik hat damals, wie heute Entscheidungen getroffen, denn das Defizit ist heute doppelt so hoch, weil die Gesellschaft immer älter wird, wodurch mehr Menschen medizinische und pflegerische Leistungen benötigen. Das erhöht die Ausgaben dauerhaft. Medikamente und Behandlungen werden immer kostspieliger, auch durch den medizinischen Fortschritt und neue Therapien. In den Merkel-Jahren wurden notwendige Strukturreformen im Gesundheitssystem versäumt. Die hat der letzte Gesundheitsminister Lauterbach endlich angepackt und es wurde als Krankenhaus-Gesetz im Parlament 2025 beschlossen.
Unser Gesundheitssystem gehört selbstverständlich zur öffentlichen Daseinsvorsorge, ist aber privatwirtschaftlich organisiert. Herr Sahin dagegen strebt nach seinen Aussagen eine Verstaatlichung des Systems an, denn Effizienz und Modernisierung sind für ihn nur ein „wirtschaftliches Zurechtstutzen“.
Also, uns bliebe keine Wahl zwischen den Versicherungen. Jeder Bürger wäre Mitglied der staatlichen Sozialversicherung. Jeder hätte einen festen Hausarzt, der als „Gatekeeper“ fungiert. Fachärzte werden fast nur in staatlichen Kliniken aufgesucht und nur nach Überweisung. Eine Selbstbeteiligung würde auch fällig. Die Leistungen sind für alle gleich, keine „Zweiklassenmedizin“. Private Zusatzversicherungen spielen keine Rolle.
Man kann das überlegen, aber mit welcher Partei will Herr Sahin das durchsetzen? Wir haben bis heute keine Bürgerversicherung und keine Erwerbstätigenversicherung. Das System ist starr und ideologisch gestützt durch Lobbyisten. Und an diesen sind auch Born, Baumann und Sturm gescheitert. Die KVBW ist eine Körperschaft und kein Anhängsel des Gesundheitsministeriums. Sie vertritt die Interessen ihrer Mitglieder – also der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten – gegenüber Politik, Krankenkassen und Öffentlichkeit. Wie wir jetzt wissen, wollen die Mitglieder bei ihrer Anstellung in der Notfallpraxis keine Sozialabgaben zahlen, werden immer älter, wollen oft nur Teilzeit arbeiten und die wenigen jungen Mitglieder interessieren sich mehr für ihre „Work-Life-Balance“.
